Die minimal music präsentiert sich als Überwindung der Angst vor der unüberwindbaren Überzeugungskraft der Worte der Menschenweisheit. Minimalismus ist im Wesentlichen ein Appell „nicht an die Menschenweisheit, sondern an die Kraft Gottes“, und die „Passionslieder“ präsentieren sich als als einen minimalistischen Versuch, „sich zu entschließen, nichts zu kennen außer Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten“; denn in den Passionsliedern stellt Martynov die Essenz der „minimal music“ dem Ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, 2.1-5 gegenüber. Vor die Korinther nämlich trat Paulus nicht mit rethorischen Überredungstricks, sondern einzig mit der durch Einsicht gewonnen Kraft des Glaubens. „Es ist vor allem das Mysterium dieses „Ein- und Desselben“, mit dem sich der Minimalismus beschäftigt.“
© 2010 Ulrich Rützel, unter Verwendung von Zitaten Vladimir Martynovs
KANON DER KULTUREN
Musik Im Neuen Sakralen Raum
In einer dreiteiligen CD-Veröffentlichung mit den CD-Titeln
1) Stabat Mater / Requiem (04619)
2) Passionslieder
3) Litania ad Mariam Virginem (04618 )
mit dem Obertitel "Témenos" (zu deutsch: geweihtes Land oder geweihter Vorplatz eines Tempels oder einer Kirche) umfasst Vladimir Martynov zusammen mit seiner Frau, der russischen Geigerin Tatiana Grindenko, musikalisch einen „Neuen Sakralen Raum“.
Das sakrale Reich, in dem der Mensch seit Urzeiten gelebt hatte, ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Ende. Spätestens seit Nitzsche mit seinem berühmten Ausspruch „Gott ist tot“ existiert das alte sakrale Reich des gregorianischen Chorals nur noch in Form seines äußerlichen Erscheinungsbildes. Seine ursprüngliche Lebensenergie hat es zum größten Teil verloren. Dieser Prozess hat sakrale, religiöse und rituelle Musik aus dem Kontext der Kirchen und Konfessionen und ihren traditionellen Aufführungsorten herausgelöst.
Denn spätestens seit Ligeti, Wagner, Zimmermann, Schönberg, Pärt, Henze, Messiaen oder gar Stockhausen, die „säkularisierte“ Musik sogar in Form von Requien, Oratorien, Passionen etc. geschrieben haben, einige sogar wie Messiaen und Pärt aus religiösem Antrieb, hat sich die sakrale (spirituelle) Musik aus der Umklammerung der Kirchen gelöst.
Gleichzeitig gibt Martynov mit seiner „Neuen Einfachheit“ einen tief im russisch orthodoxen Glauben verwurzelten Postminimalismus vor, der auch bei seinem Komponistenfreund Arvo Pärt zu finden ist. Für Martynov ist Minimalismus im Wesentlichen ein Appell „nicht an die Menschenweisheit“, sondern an die Kraft Gottes. Es ist vor allem das Mysterium von Wiederholungen, dieses „Ein- und Desselben“, das dem Menschen den Blick auf die Quelle der Schöpfung öffnet.
Tatiana Grindenko hat mit ihrem Ensemble OPUS POSTH. inzwischen mehrfach gezeigt, wie historische Klangformen und zeitgenössische Empfindungen zusammenpassen können; wie emotionale Kraft eine aggressive Farbe bekommen kann; warum wir Schmerz und Zuversicht, Klage und Lebensbejahung, Mitleid und Selbstsicherheit zu einem humanen Gesamtkomplex zu amalgamieren in der Lage sind.
© 2010 Ulrich Rützel, unter Verwendung von Zitaten Heinz-Josef Herborts
Interpreten:
Ensemble OPUS POSTH.
TATIANA GRINDENKO – Violin Conductor
GALINA MURADOVA - Soprano