1
Erlkönig (op 1) (5:18)
Music: Franz Schubert; Marcel Daemgen
Text: Johann Wolfgang v. Goethe
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit, programming: Marcel Daemgen
Vocals: Oliver Augst
Backing Vocals: Alexandra Maxeiner
Korg MS 10, Access Virus TI, Electronics: Marcel Daemgen
Piano: Thomas Dézsy
2
Im Treibhaus (5:15)
(aus Studies for "Tristan und Isolde")
Music: Richard Wagner; Marcel Daemgen
Text: Mathilde Wesendonck
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit: Marcel Daemgen
Vocals: Oliver Augst
Piano: Thomas Dézsy
Drums: Chris Cutler
Double bass: Georg Wolf
3
Tod und Schlaf (3:01)
Music: Joseph Haydn; Christoph Korn
Text: Friedrich von Logau
Verlag: GEMA/copyright control
Vocals: Alexandra Maxeiner
Drums: Chris Cutler
Electronics: Christoph Korn
4
Lied der Mignon (Nur wer die Sehnsucht kennt) (3:16)
(aus "Wilhelm Meister")
Music: Franz Schubert; Marcel Daemgen
Text: Johann Wolfgang v. Goethe
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit, programming: Marcel Daemgen
Vocals: Oliver Augst
Synthesizer: Marcel Daemgen
Piano: Thomas Dézsy
Drums: Chris Cutler
Backing Vocals: Alexandra Maxeiner
Double bass: Georg Wolf
5
Ich bin der Welt abhanden gekommen (6:21)
Music: Gustav Mahler; Christoph Korn
Text: Friedrich Rückert; Christoph Korn
Verlag: GEMA/copyright control
Words: Christoph Korn after Paul Celan´s "Todesfuge"
Vocals: Oliver Augst
Spoken Words: Michaela Ehinger
Drums: Chris Cutler
Guitar and electronics: Christoph Korn
6
Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen (3:10)
(aus "Kindertotenlieder")
Music: Gustav Mahler; Marcel Daemgen
Text: Friedrich Rückert
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit: Marcel Daemgen
Vocals: Alexandra Maxeiner
Piano: Thomas Dézsy
Drums: Chris Cutler
7
Der Tod, das ist die kühle Nacht (2:53)
Music: Johannes Brahms; Marcel Daemgen
Text: Heinrich Heine
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit: Marcel Daemgen
Vocals: Oliver Augst
Piano: Thomas Dézsy
Drums: Chris Cutler
Backing Vocals: Alexandra Maxeiner
Double bass: Georg Wolf
8
Mondnacht (3:04)
Music: Robert Schumann; Oliver Augst; Marcel Daemgen
Text: Joseph Freiherr von Eichendorff
Verlag: GEMA/copyright control
Vocals: Oliver Augst
Electronics: Oliver Augst and Marcel Daemgen
9
Illusionen (4:35)
Music: Udo Jürgens
Text: Alexandra Doris Nefedov
Verlag: MONTANA MUSIKVERLAG GMBH & CO.KG
Arrangement, soundedit, programming: Marcel Daemgen
Vocals: Oliver Augst
Synthesizer, Backing Vocals: Marcel Daemgen
Piano: Thomas Dézsy
Drums: Chris Cutler
Double bass: Georg Wolf
10
Heimkehr (6:45)
Music: Johannes Brahms; Christoph Korn
Text: Johann Ludwig Uhland
Verlag: GEMA/copyright control
Vocals: Oliver Augst / Alexandra Maxeiner
Accordeon: Rüdiger Carl
11
Verborgenheit (3:13)
Music: Hugo Wolf; Marcel Daemgen
Text: Eduard Möricke
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit, programming: Marcel Daemgen
Vocals: Alexandra Maxeiner
Synthesizer: Marcel Daemgen
Piano: Thomas Dézsy
Drums: Chris Cutler
12
Und es sind die finstern Zeiten (3:19)
Music: Hans Eisler; Oliver Augst; Rüdiger Carl; Chris Cutler; Georg Wolf
Text: Bertolt Brecht
Verlag: Deutscher Verlag für Musik Leipzig
Arrangement :Christoph Korn
Vocals: Oliver Augst
Accordeon: Rüdiger Carl
Drums: Chris Cutler
Double bass: Georg Wolf
13
Feldeinsamkeit
Music: Johannes Brahms; Marcel Daemgen
Text: Hermann Allmers
Verlag: GEMA/copyright control
Arrangement, soundedit: Marcel Daemgen
Vocals: Alexandra Maxeiner
Piano: Thomas Dézsy
Double bass: Georg Wolf
Produced by Oliver Augst, Marcel Daemgen, Christoph Korn
TEXTxtnd/DeutschlandRadio 2006
www.textxtnd.de
Sound-Mastering and final master mix: Marcel Daemgen
Sound engineering by Deutschlandfunk
Co-producer, Deutschlandfunk: Frank Kämpfer
Live recording sessions took place at the Sendesaal, Deutschlandfunk Cologne, January/February 2005, all other recordings and sound editing were done in the studios of Augst/Daemgen/Korn
ROMATISCHES entillusioniert
Der Knabe, der in Bedrängnis ungehört mit sich überschlagender Stimme ruft. Der vielleicht Halbwüchsige, der seine Sehnsucht als stilles Leiden erfährt. Die Verlassene, die sich beim Träumen nicht mehr unter den Lebenden wähnt. Der Verlorengegangene, der sich – warum auch immer – nicht mehr mitteilen kann. Einsame, denen die Nachtigall von Geborgenheit spricht, doch keine Menschen. Paare, die nacheinander singen, nicht miteinander … . Zweifellos, unter ’Jugend’ stellt man sich etwas anderes vor. Zumindest öffentlich ist der Begriff mit gänzlich anderen Vokabeln gepaart: mit Überschuss, Unverbrauchtheit, mit Zukunft. Auf keinen Fall assoziieren sich Schmerz, Weltflucht, Perspektivlosigkeit. Oder vielleicht doch? Was ist für wen wie Realität? Und wer spricht?
Schumann und Eichendorff, Schubert, Brahms, Uhland, Mörike, Wolf, Wagner, Rückert und Mahler. Auf den ersten Blick sind es die ’großen Namen’ der deutschen Romantik, die Oliver Augst, Marcel Daemgen und Christoph Korn – die Künstlergruppe ARBEIT aus Frankfurt/Main – und befreundete Musiker interpretieren. Aber, wie seltsam klingt das Gehörte. Was aus gekannt geglaubten Texten und Liedern entwächst, ist weitgehend frei von Schwärmerei, Glanz, ja von Romantisierendem jeglicher Art. Umso mehr artikuliert sich ein Selbst- und Weltempfinden, das wenig behaglich erscheint. Denn die hier sprechen, wirken hautlos, treten nahe; die uns gebräuchlichen Filter, Dämpfer und Schutzmechanismen sind ihnen, wie es scheint, ganz und gar fremd. Unterbrechungslos mögen sie – also doch Jugend!? – Schmerzliches und Enttäuschendes registrieren, und ob des Widerspruchs zwischen Wirklichkeit und Ideal Unbehaustheit empfinden.
Eine Assoziation flackert kurz auf. So müssen jene Vorgänger zeitlebens gelitten haben unter der vermeintlichen Chance ihrer Generation. Hineingeboren ins ’89er Jahr, Kinder des gewaltigen Umbruchs, aufgewachsen mit der Ahnung um das Zündeln ringsum, Zeugen gewiss vermeidbarer Kriege und Katastrophen, ausgeliefert hernach an die unendliche Zeit der wievielten Restauration. – Es liegt auf der Hand, gelegentlich wieder an jene deutschen Intellektuellen zu denken, deren kleine verstreute utopische Zirkel unter dem Stichwort‚ deutsche Frühromantik’ firmieren. Denen Anna Seghers – eine Vergessene von heute – attestiert, sich um und nach 1800 „ ihre Stirnen an der gesellschaftlichen Mauer wund“ gerieben zu haben. – Was nur haben sie kommen gesehen? Was konnten sie weshalb – und vielleicht anders als wir – nicht verschweigen?
Für die Frankfurter Künstler sind die hier versammelten Highlights des romantischen Kunstlieds, die jeder Konzertgänger schätzt, Resultate einer Filterungsarbeit. Jedes neue Projekt der Gruppe beginnt mit der Sichtung von möglichst viel und verschiedenem Material, das sich dann zur Verarbeitung eignet. Das heißt hier konkret, zur Vergegenwärtigung mittels Klängen, Instrumenten und Techniken von heute.
Was hier erklingt, ist ein Substrat. Daemgen und Korn, die zwei wesentlichen Bearbeiter/Arrangeure/Komponisten der Platte, haben das Liedgut musikalisch seziert, Melodien nahe den Originalen belassen, den instrumentalen Unterbau neu organisiert. Manche Sounds sind Produkt und Dokument elektronischer Mittel und Medien – andere resultieren aus der Verrückung in ein anderes Genre. Schumanns Mondnacht, Brahms Heimkehr, Haydns Tod und Schlaf gar wirken wie Miniaturen von Klangkunst. Sie sind auf rauschende Flächen gebaut, auf pfeifende Frequenzen, Pattern elektronischen Schlagzeugs. Andere Titel grundiert eine Trio-Besetzung aus Kontrabass, Schlagzeug, Klavier. Nicht, dass die Resultate jazzartig klängen – doch Hugo Wolf, Brahms oder Wagner rücken so ein Stück vom introvertierten Kunstlied zum knappen, avancierten Chanson.
Welche Mittel auch immer gewählt sind, die Verfremdung zielt auf Verdeutlichung. Immer ist es bezweckt, das als bekannt, das heißt als Kunst Akzeptierte, sehr genau mit neuen Ohren zu hören und auf sich und auf Gegenwart zu beziehen. Ganz gleich, ob die Urheber Udo Jürgens, Hanns Eisler und Joseph Haydn sind oder ins 19. Jahrhundert gehören.
Die Projektion, Jugend artikuliere sich hier, rückt, was zu hören ist, in der Tat in ein schärferes Licht. Verschüttete, womöglich unterbewusste, aber auch aktuelle Konnotationen treten zu Tage. In Goethe/Schuberts Erlkönig ist es der Aspekt des Kindesmissbrauchs, aus Wolfs Verborgenheit spricht jugendliche Todessehnsucht. Der Welt abhanden gekommen zu sein ist plötzlich nicht mehr Erfahrung nur des romantischen Künstlers, sondern die vieler unvermittelt Entführten, Internierten schlechthin. Der Song begegnet hier deshalb strukturell verkreuzt mit einem Gedicht von Paul Celan.
Als ein Schlüsselstück der Platte erweist sich die Miniatur aus Mahlers Kinder-totenliedern. Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen erzählt außer vom individuellen Erlebnis des Schreibers vom Schicksal einer ganzen (jungen) Generation. Eine jüdische, aber nicht ausschließlich nur jüdische Jahrhunderterfahrung scheint hier auf bedrängende Art vorformuliert.
Tröstliches, Hoffnungen, Gegenentwürfe womöglich sind auf dieser CD, die ähnlich wie die früheren Produktionen An den deutschen Mond oder Marx wie ein Konzeptalbum wirkt, reichlich rar. Keinesfalls sind sie auf der Ebene naiver, geschönter, das heißt reduzierter Weltsicht zu suchen – in populistischen, schlagerhaften Klängen und Sounds, in Momenten von Emphase, die die Platte keineswegs ausspart. Es geht nicht um neue Betäubung. Die Nebel zu lichten, Realität zu gewinnen, das wäre heute schon utopisch genug.
Die Platte Jugend ist Resultat mehrjähriger Arbeit und vertrauensvoller Kooperation. Im Deutschlandfunk-Kammermusiksaal wurde im März 2005 zunächst die Bühnenversion uraufgeführt – unter dem Titel Jugend. Vol.1: Freud. Ein Projekt, das zum hier Vorliegenden stark differiert. Für die CD wurden die Instrumente sowie die Stimmen der Sprecherin und der zwei Sänger gleichfalls in Köln eingespielt. Dieses Rohmaterial haben Korn, Augst und Daemgen mit nach Frankfurt genommen, auf ihren PCs für sich gesichtet und mit elektronischen Mitteln grundiert, übermalt, strukturiert. In kollektiven wie individuellen Bearbeitungsphasen schälten sich die Signaturen heraus, die einzelne Titel un-überhörbar färben. Wir hören sie mit ihren verschiedenen Stimmen: auffahrend und beinah nur gehaucht, geflüstert durchs Megafon, introvertiert und fast wie im Rausch. Was werden die heute Jungen aus der Ordnung der Titel, Sounds und Subtexte für sich entnehmen?
FRANK KÄMPFER